Cross-Community Solidarität und Tanz

STRATEGIEN DER SOLIDARITÄT – WAS ICH BISHER HERAUSGEFUNDEN HABE (betreffend Cross-Community Solidarität und Tanz)

Strategien der Solidarität – was ich bisher herausgefunden habe ist eine Blogreihe, in der ich meine (praktischen) Strategien der Inklusion im professionellen Tanzkontext mit euch teile. Diese Strategien sind für mich wichtige Werkzeuge, um einen kolonialistischen (kapitalistischen, rassistischen, ableistischen, transphoben, homophoben, sexistischen usw.) Habitus zu demontieren und anschließend andere Modelle zu entwerfen und aufzubauen. Außerdem teile ich hier einige Gedanken über institutionelle sowie meine eigenen internalisierten Formen der Unterdrückung. Ich beziehe mich dabei vor allem auf die unabhängige Tanz- und Performance-Szene in Mitteleuropa. Auch wenn du mit dieser Szene nichts zu tun hast, können dich meine Beiträge hoffentlich in deinen eigenen Lernprozessen unterstützen.

Reflexion

Gemeinsam mit xart splitta habe ich im Mai ein Treffen* mit anderen BIPoC-Aktivist*innen aus Berlin organisiert. Unser Thema war Performance-Kunst und Tanz im Kontext von Community-übergreifenden Strukturen und Solidarität. Unter den Teilnehmenden waren Kunstschaffende aus verschiedenen Feldern wie etwa Tanz, Performance und Film, aber auch Personen, die in den Bereichen Bildung und Kulturmanagement tätig sind. Gemeinsam erkundeten wir das Feld Performance-Kunst und Tanz mit Blick auf drei Hauptthemen: (1) Den Aufbau und die Stärkung solidarischer Strukturen in BIPoC Communities, (2) das Aufgreifen von und die Bearbeitung relevanter Themen innerhalb der Communities und (3) das Teilen von Ressourcen.


Dass ich mit diesen Themen auf Iris und Julie von xart splitta und später auf andere zuging, hängt mit einer meiner Kindheitserfahrungen zusammen. Als ich ein Kind war, besuchten wir immer meine Großmutter in ihrem Haus. Bei einem dieser Besuche bemerkte meine Mutter, dass einige Dinge im Haus fehlten. Sie fragte meine Großmutter, wo all die Sachen hin sind. Meine Großmutter erzählte uns daraufhin diese Geschichte:

Eines Nachts hatte ein Dieb die Schuhe meines Großvaters und etwas zu essen aus ihrem Haus gestohlen. In der darauffolgenden Nacht kam der Dieb zurück und stahl einen anderen Gegenstand und wieder etwas zu essen. Am nächsten Abend kochte meine Großmutter und, bevor sie ins Bett ging, stellte sie einen Teller Essen und ein Glas Wasser für den Dieb hin, zusammen mit all ihrem Geld (das ihr meine Mutter bei unserem letzten Besuch gegeben hatte). Am nächsten Morgen war das Geld verschwunden und der Teller leer gegessen. Meine Großmutter wiederholte das an den drei folgenden Abenden: Sie stellte Essen hin sowie einige Kleidungsstücke meines Großvaters und andere Habseligkeiten. Als sie aufwachte, war der Teller immer leer und die Sachen meines Großvaters waren verschwunden.

Als meine Mutter die Geschichte gehört hatte, fragte sie meine Großmutter frustriert, warum sie ihr ganzes Geld weggegeben hat, obwohl sie es doch für Lebensmittel und andere Dinge brauchte. Meine Großmutter meinte daraufhin nur, dass es eindeutig war, dass der Dieb es dringender braucht als sie. Diese Fürsorge für die Community, die mir meine Großmutter lehrte, löste etwas in mir aus und ermutigt mich auch heute noch dazu, Zeit, Ressourcen und Wissen mit meinen verschiedenen Communities zu teilen.

Das Gespräch –
Dieser Abschnitt ist von Deiera Kouta und Theresa Klapper von xart splitta geschrieben.

Um in diese Themen hineinzufinden, haben wir zur Orientierung die folgenden Fragen aufgeworfen und diskutiert:

  • Welche Rolle spielen Performancekunst und Tanz für uns und für unsere Communities in Bezug auf unsere politische Praxis und Community-übergreifende Solidarität?
  • Wie können wir Performancekunst und Tanz zur Bildung und Stärkung von Community-übergreifenden Allianzen und Strukturen nutzen?
  • Auf welche Barrieren sind wir in Bezug auf den Zugang zu Performancekunst und Tanz gestoßen und wie können wir diese Barrieren für uns und unsere Communities abbauen?
  • Wie können wir intersektionale Perspektiven und Ansätze in Performancekunst und Tanz integrieren und dadurch konkreter und greifbarer machen?
  • Wie können wir als (Kunst-)Praktiker:innen einander und unsere Communities mit der Vielfalt der Ressourcen, zu denen wir Zugang haben, unterstützen?
  • Wie können wir durch Performancekunst und Tanz Themen aufgreifen, artikulieren und/oder verhandeln, die innerhalb unserer Communities relevant sind?

Im Verlauf des Gesprächs wurden die vielfältigen Dimensionen und Bedeutungen von Performancekunst für BIPoC und BIPoC Communities deutlich. Tanz und Performance wurden vor allem als verbindende und heilende Elemente beschrieben, die gleichermaßen Zugänge zu kollektiven Erfahrungen innerhalb der Communities sowie Zugang zur eigenen Identität ermöglichten. Durch Tanz und Performance könne verkörpertes Wissen über Generationen weitergegeben und je nach Kontext könnten vielfältige Emotionen geteilt und bearbeitet werden. Tanz und Performance wurden als zentrale Momente von Widerstand und Intervention wahrgenommen, denen eine wichtige Bedeutung für gesellschaftlichen Wandel zuteil wird.

Demgegenüber zeigten sich die vielfältigen Herausforderungen, die mit einer Einbettung von BIPoC Tanz und Performance in westliche, weiß dominierte Kontexte einhergehen. Hier wurden insbesondere die Auswirkungen einer Institutionalisierung von BIPoC Kunst diskutiert. Prozesse von Akademisierung, Kategorisierung und Vermarktlichung führten zu einer Loslösung von Performance und Tanz aus anderen Lebensbereichen und somit zu einer Distanzierung von BIPoC zu ihrer eigenen künstlerischen Praxis. Bei Performances vor einem (mehrheitlich) weißen Publikum bewirkten zudem Dynamiken von Exotisierung und Sensationalsierung, dass die heilende und verbindende Wirkung der Performativität in den Hintergrund gerate. Stattdessen werde sie zunehmend zu einem Werkzeug, um sich zu schützen und eigene Räume zurückzufordern. Als Hürden in Bezug auf den Zugang zu Performance und Tanz nannten die Teilnehmenden neben einer Akademisierung vor allem die konstruierte Distanz zwischen Performer*innen und Publikum. Diese verhindere Momente der Heilung und des Empowerments innerhalb der Communities.

Ausgehend von dem Bedürfnis Institutionen neu zu denken und Community-übergreifende Bündnisse und Solidarität zu stärken, und dem vor allem im deutschen Kontext starken Druck, die eigene künstlerische Praxis zu kategorisieren, wurde auf die Notwendigkeit hingewiesen, alternative Organisationsformen zu imaginieren. Diese sollten offener für Wandel und Fluidität sein und Raum schaffen, um Machtstrukturen nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch kontinuierlich zu hinterfragen. In diesem Zusammenhang sei zunächst eine (Rück-)Besinnung auf Werte aus BIPoC Communities notwendig, die individualistische Haltungen sowie Teile-und-herrsche-Mechanismen in Frage stellten. So könne Raum geöffnet werden, um einander anders zu begegnen. Als weitere wichtige Werkzeuge wurden die kritische Hinterfragung der eigenen Position sowie die Reflektion der eigenen Privilegien genannt. Es müsse hinterfragt werden, welche Personen durch Institutionen als Stellvertreter*innen für Communities ausgewählt werden und welche dominanten Vorstellungen von Kunst sie in ihrer Arbeit reproduzierten. In diesem Sinne sei auch eine Rückbesinnung auf BIPoC Räume notwendig, die eine lange Tradition von Tanz und Performance vorweisen, innerhalb von Institutionen aber nicht als künstlerisch anerkannt würden.

Für die Stärkung von Community-übergreifender Solidarität wurde weiterhin die Umverteilung von Ressourcen zwischen Kollektiven, Vereinen und Einzelpersonen als wichtige Strategie diskutiert. Neben materiellen Ressourcen müsse dies vor allem auch das Teilen von Emotionen, Zeit und Wissen miteinschließen. In diesem Zusammenhang wurde gemeinsamen Räumen, in denen Erfahrungen und Ratschläge – auch in Bezug auf den Umgang mit und das Überleben in den Institutionen geteilt werden können, eine besondere Bedeutung zugeschrieben.

In Bezug auf die Frage, wie verstärkt Themen mit einem Mehrwert für BIPoC Communities erarbeitet werden können, wurden vor allem kollaborative Prozesse genannt. Akteur*innen auf verschiedenen Ebenen sollten von Anfang an in die Entwicklung von Programmen und Konzepten mit eingebunden werden. Dabei sei vor allem wichtig, Raum für fortdauernde Konversationen zu ermöglichen, dabei offen für die Entwicklung inhaltlicher Schwerpunkte zu sein und sich in kreativen Prozessen stärker von der eigenen Intuition leiten zu lassen. In diesem Sinne könne und müsse auch das eigene Verständnis von Kunst immer wieder hinterfragt und erweitert werden.

Fragen, die im Laufe des Gesprächs entstanden sind:

  • Wie können wir die Barrieren und Verzerrungen abbauen, die ein fester Bestandteil der Performance-Kunst geworden sind?
  • Inwieweit bin ich selbst Teil des Problems?
  • Was kann ich von anderen lernen und was kann ich als Person, die in diesen Institutionen ausgebildet wurde, verlernen?
  • Wie können wir unser Verständnis einer Institution erweitern und wie können wir ihre Rolle und Funktion überdenken?

„Was ich vorhin meinte, ist, dass der Begriff ‚Institution‘ für mich statisch und starr klingt. Wenn etwas eine ‚Institution‘ ist, ist es ‚etabliert‘ (‚gegründet im Jahr …‘). Was mich vielmehr interessiert, ist die Frage, wie wir Institutionen als fließende, sich erweiternde und wachsende Räume (neu-)denken können, als Räume, in denen Dinge ausprobiert und dabei erlernt/verlernt werden und in denen wir mit anderen zusammenarbeiten (und unsere Partner*innen natürlich sorgfältig auswählen). Ich denke dabei auch an Strukturen der Vergütung und Umverteilung (Gehälter, Arbeitsbedingungen, respektvoller Umgang mit allen Arbeitskräften, Konsens über ‚werthafte‘ Arbeit, Bekenntnis zu Antirassismus und wiederherstellender Gerechtigkeit usw.). Ich glaube, wenn wir von ‚weißen Institutionen‘ / ‚weiß geleiteten Institutionen‘ sprechen, meinen wir das auch oft als eine Art Sammelbegriff für Institutionen, die die oben genannten Themen ausblenden und die weiterhin unverantwortlich handeln und den Extraktivismus gegenüber BIPoC aufrechterhalten …“

– Kathy-Ann Tann

„Fast normal. Fast akzeptabel. Fast indigen. Hälfte, ein Viertel, ein Bruchteil, ein Stück. Gender, Sexualität, Ethnizität, kognitive oder körperliche Nicht-/Behinderungen. Toxische Ansichten, ableistische und rassistische Gesellschaftsstrukturen richten weiter Schaden an. Einige nehmen ihre Unterschiede an, um zu heilen … und sie verbinden sich.“ –

– Red Haircrow

*Das Treffen wurde ermöglicht durch das Förderprogramm #TakePart des Fonds Darstellende Künste, das von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien finanziert wird.

Selbsterkenntnis, Verantwortlichkeit Und Trigger

Ich betrachte mich als Person, die bestimmte Formen der Unterdrückung internalisiert hat. Ich erkenne, dass mir Denk- und Handlungsweisen beigebracht wurden, die auf kolonialistischen (d. h. transphoben, ableistischen, kapitalistischen, rassistischen usw.) Vorstellungen basieren. Diese Erkenntnis gibt mir einen Pfad vor – ein wertvoller, schöner Pfad, den ich gerne beschreite –, auf dem ich mehr über bewusste Zerstörung verstehe und dadurch mehr reflektiere, mehr lerne, mehr überdenke und mehr liebe. Das ist ein nie endender Prozess, und ich weiß, dass es möglich ist, dass sich diskriminierende Sprache oder Vorstellungen in meine Beiträge einschleichen. Wenn du diesen Eindruck hast, dann melde dich bitte über das Kontaktformular auf meiner Website.

An alle BIPoC, die für unsere Communities sorgen. Herzlichen Dank!

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