Videoausschnitt

„Community Building and Besucher*Innen Forschung“

Performing Arts Programm Berlin (PAP) lud mich ein, auf ihrer Konferenz „Community Building and Besucher*Innen Forschung“ einen Impulsvortrag zu halten. Für diejenigen, die nicht da waren, ist es hier in schriftlichen Format und im Videoformat. Solltest Du im Gespräch mit mir kommen, stehe ich Ihnen selbstverständlich gerne zur Verfügung.

Hallo zusammen. Ich bin Zwoisy Mears-Clarke und arbeite als freiberuflicher Choreograf in Berlin. Ich möchte hier und heute über das Thema Essen sprechen, speziell über Suppe. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber wenn ihr schonmal an einer Diskussion oder Probe mit mir teilgenommen habt, wisst ihr sicher, dass ich von Metaphern und Bildern aus dem Bereich Essen oder Kochen sehr angetan bin. Und ein solches Bild habe ich heute auch mitgebracht.      

Wie bei jeder selbstgemachten Suppe, braucht es am Anfang erstmal eine Brühe. Besonders hilfreich fand ich dafür Stephen Willats Idee, dass der*die Künstler*in die Aufgabe hat, soziale Wahrnehmungen und Handlungsweisen zu verändern. Dadurch wurde mir klar: Der Ausgangspunkt ist, dass ich Menschen mit meiner Kunst dazu einlade, sich selbst und anderen zu begegnen. Aber Theaterhäuser verschicken natürlich auch ihre eigenen Einladungen, also fragte ich mich immer mehr: „Welche Leute erreiche ich eigentlich nicht – und wie kann ich ihnen begegnen?“

Im Januar 2015 fand in den Sophiensälen die Premiere meines Stücks „How to Greet Like a Jamaican: Step 1“ statt. Diese Eins-zu-Eins-Performance wird in einem stockdunklen Raum aufgeführt und ist ein Beispiel für das, was ich nicht-visuellen Tanz nenne: Die Bewegung wird dabei nicht visuell, sondern durch Berührung wahrgenommen. Diese Arbeit war ein Experiment, um dem Publikum zu ermöglichen, ein Tanzstück ganz und gar körperlich zu erfahren. Nach der Aufführung meinte eine Freundin zu mir: „Weißt du eigentlich, dass auch blinde Menschen an deiner Performance teilnehmen können?“ Ich war damals noch ziemlich ableistisch unterwegs und hatte keine Ahnung, wie das Leben behinderter Menschen aussieht – und noch weniger war mir klar, was für ein heuchlerischer Arsch ich deshalb war! Ich hatte im Grunde unterdrückerische Strukturen gestützt – und das in einem Feld, das mich eigentlich etwas ganz anderes gelehrt hat, nämlich den Körper und seine Ausdrucksformen zu schätzen – oder eher: verschiedene Körper und Bewegungsformen. Meine Antwort war also: „Oh shit, das stimmt. Das hat mir nie eingefallen. Kuhle Idee. Danke.“

In Berlin sind zweifellos viele Spielorte und andere Räume von Ableismus geprägt, also gab es auch definitiv einen Publikumskreis, den ich nicht erreiche. Die nächste Frage war für mich daher: Wie kann ich diese Leute einladen?

Als ich vor dieser Frage stand, war mir klar, dass mir die richtigen Zutaten noch komplett fehlen. Also tat ich das, was wohl alle Köch*innen in Berlin tun würden: Ich suchte nach Nachbarn, die sich besser (als ich) mit Suppen auskennen. Und ich hatte großes Glück, denn so begegnete ich Evelyne Walser-Wohlfarter und Bernhard Richarz, dem Leitungsteam von tanzfähig. Die beiden ermöglichten es mir, meinen ersten Bewegungsworkshop zu leiten. Wie manche von euch vielleicht wissen, ist tanzfähig eine Initiative für mehr körperliche Vielfalt im zeitgenössischen Tanz. Und da stand ich dann auf einmal: Mit null Erfahrung in der Workshop-Leitung und unheimlich viel Ableismus im Gepäck sollte ich ein Setting schaffen, das für alle offen ist. Ich gab mir zwar Mühe, alles sorgfältig vorzubereiten, aber trotzdem brachte ich haufenweise falsche Zutaten mit, zum Beispiel Styropor-Verpackungserdnüsse (die zwar essbar aussehen, aber nur nach Plastik schmecken). Einige Leute kamen nach dem ersten Tag nicht mehr – verständlicherweise. Einige blieben zwar, aber sie mussten alles, was ich sagte, für sich selbst umformulieren. Einige machten mich zum Glück darauf aufmerksam, wie uneinladend meine Vorschläge eigentlich sind. Sie gaben mir Hinweise, die sehr hilfreich dafür waren, einen Rahmen zu schaffen, der jeder einzelnen Person und ihrem Körper Raum bietet. Im Grunde machten sie also meine Arbeit und kochten die Suppe.

Zusammen entwickelten wir dann die nicht-visuelle Tanzform weiter – und das Ganze verwandelte sich in etwas, bei dem es um mehr als nur um Barrierefreiheit geht – also um mehr als den üblichen Ansatz, hier und da mal „eine Rampe hinzuzufügen“. Aus unserer Zusammenarbeit heraus entwickelte sich ein Ort, der auf ganz grundsätzliche Weise zugänglich ist, sowohl für blinde, sehbehinderte und sehende Menschen als auch für Fußgänger*innen und Rollstuhlfahrer*innen.

Diese Erfahrung und diese Zusammenarbeit waren für mich ein großzügiges Geschenk. Das ermöglichte mir dann, nicht-professionelle Tänzer*innen mit unterschiedlichen Bewegungs- und Sehfähigkeiten als Performer*innen einzuladen. Doch natürlich war das nicht nur meine Einladung. Ich – mit meiner Vorliebe für Styropor-Nüsse – hätte das, auf mich alleine gestellt, überhaupt nicht geschafft. Auf Einladung von tanzfähig entwickelten wir dann also das Stück „Subjects of Position“, das für Menschen mit sehr unterschiedlichen Sehfähigkeiten und für Fußgänger*innen und Leute im Rollstuhl zugänglich war. So lernte ich auch, dass es ganz unterschiedliche Rollstuhlmodelle gibt, zum Beispiel mit niedriger Rückenlehne oder Rückenlehne aus Textil – und nur so konnte ich die Menschen, die ich zu einer Begegnung eingeladen hatte, auch wirklich kennenlernen.

Diese Erfahrung lehrte mich vor allem aber auch, dass ich selbst nicht gerade der beste Koch bin. Als wir später dann eine Suppe mit dem Titel „Worn and Felt“ kochten, hatte ich verstanden: Wenn ich Leute in und außerhalb von Theaterhäusern zusammenbringen will, dann lade ich sie am besten dazu ein, zusammen mit mir zu kochen.

Eine meiner Kochpartner*innen war Natalia Torales, die zwei Monate lang mit mir daran gearbeitet hat, Kontakt zu Menschen vor Ort in Berlin herzustellen, vor allem zu People of Colour oder zu blinden und sehbehinderten Menschen. So lernten wir eine Gruppe von Leuten kennen, die später als „Testpublikum“ dazugekommen sind, und von denen fünf dann auch an der Dramaturgie des Stücks mitgearbeitet haben. Diese Leute kamen insgesamt vier Mal zu den Proben. Die Zahl der Besuche war begrenzt, da ich ihnen für die Mitarbeit keine Bezahlung bieten konnte. Caroline von Diversity Arts Culture machte mich dann darauf aufmerksam, dass es in Deutschland ein System von Werkstätten für behinderte Menschen gibt. So wurde mir auch klar, dass meine Einladung im Grunde klassistisch war, denn sie richtete sich nur an Menschen mit einem gewissen ökonomischen Status, die mithilfe ihrer Familien ein Schlupfloch im System gefunden hatten. An diesem Punkt wusste ich, was ich bei meiner nächsten Suppe anders machen würde: Wenn ich erst einmal mein eigenes neues Lehrplan abgeschlossen habe, dann werde ich Caroline als Kochpartnerin ins künstlerische Team einladen.

Ich möchte nun einen Sprung machen und zu den Kochpartner*innen übergehen, die an der Aufführung der Suppe beteiligt waren. Dazu gehörten Elena Polzer von ehrliche Arbeit, die für die Projektproduktion verantwortlich war; das Presseteam der Sophiensäle; und Imke Baumann von Förderband e.V. und dem Projekt Berlin für Blinde. Zusammen haben wir einen Abholservice für blinde und sehbehinderte Besucher*innen entwickelt und organisiert, der die Leute von den Haltestellen Hackescher Markt und Weinmeisterstraße (also den beiden nächsten Haltestellen in der Nähe der Sophiensäle) abgeholt und nach der Performance wieder zurückgebracht hat. Diesen Service haben wir bei allen Aufführungen von „Worn and Felt“ angeboten. Ich werde hier jetzt nicht weiter ins Detail gehen, aber ich kann nachher gerne mehr dazu sagen. Ich lade euch hiermit ein, später einfach zu mir zu kommen, dann können wir weiterreden oder Mailadressen austauschen.

Zum Schluss möchte ich noch meine Geheimzutat mit euch teilen, die allerdings kein großes Geheimnis ist: Eine Spezialmischung aus #ganzhabestattteilhabe und #nothingwithoutusisforus.

Das letzte i-Tüpfelchen für die Suppe waren dann die Gewürze. Statt der klassischen gedruckten Abendzettel hatten wir eine Audioversion entwickelt, mit Unterstützung von Elena und dem Presse- und Technikteam der Sophiensäle. Das Publikum sah also – oder wurde von den Leuten an der Bar oder Kasse darauf hingewiesen –, dass auf einem Tisch im Foyer vier Kopfhörer liegen, auf denen sie sich den Abendzettel auf Deutsch und Englisch anhören konnten. Außerdem hingen an den Wänden im Foyer mehrere Poster mit einem QR-Code, der zu meiner Website führte, sodass sich die Leute den Abendzettel auch auf ihren eigenen Geräten anhören konnten. 

Dank der Unterstützung all dieser Suppenköch*innen und all dem, was ich von ihnen gelernt habe – und was dann auch meine eigenen Lernprozesse angeregt hat –, kann ich eins mit Sicherheit sagen: Das „Worn und Felt“ war die beste Suppe, die uns bisher auf Basis meiner Brühe gelungen ist! Einer meiner Kollegen, ein sehbehinderter Choreograf, sagte später zu mir, dass er nicht genau weiß, ob ihm das Stück an sich gefallen hat oder ob es ihm vor allem deshalb gefallen hat, weil er sich, sobald er das Foyer betreten hatte, inkludiert gefühlt hat – weil bei dem Stück nicht einfach nur das Label „Barrierefreiheit“ auf eine exkludierende Einladung geklebt war.

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