Laien- und Profi-Tanzkünstler*innen, die in Verbindung bleiben

STRATEGIEN DER SOLIDARITÄT – WAS ICH BISHER HERAUSGEFUNDEN HABE (betreffend Laien- und Profi-Tanzkünstler*innen, die in Verbindung bleiben)

Strategien der Solidarität – was ich bisher herausgefunden habe ist eine Blogreihe, in der ich meine (praktischen) Strategien der Inklusion im professionellen Tanzkontext mit euch teile. Diese Strategien sind für mich wichtige Werkzeuge, um einen kolonialistischen (kapitalistischen, rassistischen, ableistischen, transphoben, homophoben, sexistischen usw.) Habitus zu demontieren und anschließend andere Modelle zu entwerfen und aufzubauen. Außerdem teile ich hier einige Gedanken über institutionelle sowie meine eigenen internalisierten Formen der Unterdrückung. Ich beziehe mich dabei vor allem auf die unabhängige Tanz- und Performance-Szene in Mitteleuropa. Auch wenn du mit dieser Szene nichts zu tun hast, können dich meine Beiträge hoffentlich in deinen eigenen Lernprozessen unterstützen.

Reflexion

Obwohl ich den deutschen Begriff Tanzvermittlung nie ganz verstanden habe, definiert sich meine Praxis teilweise auch über die Arbeit als Community-Organiser im Tanzfeld: Ein wichtiger Beweggrund dafür, warum ich weiterhin in diesem Feld arbeite, ist mein Wunsch danach, neuen Leuten zu begegnen und Tanz – etwas, das mir sehr viel bedeutet – mit ihnen zu teilen.

Der Zugang zu diesem Feld ist aber auch verknüpft mit Privilegien, Macht und damit zusammenhängenden Formen der Unkenntnis / Expertise. All das spielt hinein in #nothingwihoutusisforus – ein Motto, das mir in meiner Arbeit eine verbindende Strategie mit folgenden Zutaten vorgibt: „Ich weiß nicht alles“ oder vielleicht eher „Ich bin nicht in allem ein Experte“; „Ich muss nicht alles wissen“; „Ich kann nach Hilfe fragen“ und „Packen wir es gemeinsam an.“ Unsere Gesellschaft mit ihren systematischen Formen der Diskriminierung baut mehr auf Teilung – siehe Neokolonialismus, Neoliberalismus, Ableismus, Nationalismus, Visa und so weiter – als auf Verbindung. Für mich ist es daher eine wundervolle Sache, gemeinsam mit anderen zu experimentieren, wie wir eine Verbindung aufrechterhalten können, wenn es den Wunsch danach gibt.

Das Gespräch

Im Spätsommer dieses Jahres kam ich mit Natalia Torales zusammen, einer befreundeten Tanzkünstlerin und Community-Organiserin, mit der ich bereits zusammengearbeitet habe und das auch immer wieder gerne tue. Wir organisierten ein Treffen* mit den (Tanz-)„Laien“, die bei meinen nicht-visuellen Stücken „Subjects of Position“ und „Worn and Felt“ mitgearbeitet hatten. Bei diesen Projekten hatten sie verschiedene Rollen übernommen: Sie unterstützten die Bewegungsrecherche und waren als Performer*innen, Dramaturg*innen und Probepublikum beteiligt. Das Treffen mit ihnen sollte uns wieder zusammenbringen, wobei folgende Fragen im Mittelpunkt standen: 1) Wie war die Erfahrung, an der Produktion und am kreativen Prozess mitzuwirken? 2) Welche weiteren Austauschformate würdet ihr euch in Zukunft wünschen? 3) Wie können wir in Verbindung bleiben, ohne uns dabei auf projektbasierte Zeitpläne zu verlassen?

Alle nahmen die Einladung zum Treffen an und freuten sich über unser Interesse an ihrem Feedback und über die Gelegenheit, gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir in Verbindung bleiben können!

Wir fingen ganz von vorne an. Zunächst fragten wir alle nach ihrem Grund dafür, dass sie zusagten, als sie hörten, dass Sehbehinderte / Blinde / Transmenschen / Nichtbinäre / BIPoC (unabhängig von ihren Erfahrungen im Bereich Tanz / Dramaturgie / usw.) zur Unterstützung meiner Produktion gesucht werden. Die meisten erzählten, dass sie deshalb zugesagt hätten, weil sie neugierig darauf waren, herauszufinden, wie es überhaupt möglich ist, Tanz für sehbehinderte Menschen zugänglich oder erfahrbar zu machen.

Die eigentliche Zusammenarbeit empfanden sie als angenehm, wobei sie folgende Punkte hervorhoben:

– Die Neugier und Offenheit, mit der ich den künstlerischen Prozess angehe, machte es für sie zu einem wirklich partizipativen Prozess und ermöglichte es, das Thema besser zu verstehen und einen Bezug dazu herzustellen.

– Durch die Fürsorge und Geduld im Arbeitsprozess, vor allem was die Kommunikation betrifft, hatten sie genug Zeit, die Konzepte auch körperlich erfahren zu können (auch wenn sie als Dramaturg*innen mitwirkten, sollten sie sich im Arbeitsprozess mit den Konzepten nicht nur diskursiv auseinandersetzen, sondern sie durch die Bewegungspraxis auch körperlich erfahren).

– Das schöne Gefühl, dass ihnen keine Kenntnisse fehlen und dass sie auch ohne Vorkenntnisse von Anfang an die „echte“ Erfahrung machen.

– Dass die künstlerische Praxis die Form eines diskursiven Denkens und Handelns annimmt, das sich mit Rassismus, Ableismus und Dekolonisation auseinandersetzt.

– Dass sie Dinge mit dem ganzen Körper erfahren können und nicht mehr nur über die Augen und Hände wahrnehmen.

Ein herausfordernder Aspekt:

– Sich auf Menschen / Körper einzulassen, die sie vorher nicht kannten, z. B. bei der Generalprobe, zu der viele Leute eingeladen waren, die nicht zum Produktionsteam gehörten.

Anschließend redeten wir darüber, wie sich die Gruppe während der Pandemie mit Tanz beschäftigt hatte. Eine Person wies darauf hin, dass „digitaler Tanz“ für sehbehinderte Menschen nicht zugänglich ist. Von daher wurde auch betont, dass physische Treffen für künstlerische Prozesse notwendig sind, um das Interesse aufrechtzuhalten und Möglichkeiten der Auseinandersetzung zu schaffen. Einige sehende Beteiligte erwähnten, dass sie in den letzten Jahren mit vielen neuen digitalen Möglichkeiten konfrontiert waren.

Danach fragte ich in die Runde, ob irgendwer schon einmal eine Performance mit Audiobeschreibung besucht hat. Dazu muss gesagt werden, dass der Großteil der Gruppe sehbehindert ist. Die Antwort war ein eindeutiges Nein, wobei sie davon gehört hatten, dass es in den Sophiensälen in Berlin in letzten Jahren einige solcher Angebote gab.

Als wir darüber redeten, welcher Zeitaufwand im Verhältnis zur Anzahl der Treffen / Proben angemessen ist, wurde erwähnt, dass es notwendig ist, die Teilnehmenden für ihre Zeit, ihr Feedback und ihren Einsatz zu bezahlen. Das ist eine der Möglichkeiten, sich für ihre Arbeit und ihre Beiträge erkenntlich zu zeigen und der wirtschaftlichen Ausbeutung von Menschen mit Behinderung etwas entgegenzusetzen.

In Bezug auf die Organisation der Treffen wurde betont, wie wichtig es ist, authentisch zu bleiben.

Als wir die Möglichkeiten besprachen, unseren Austausch in Zukunft fortzusetzen, kam die Idee auf, die Recherchen im Vorfeld eines Stücks zu teilen und sich über die Bücher, Konzepte und Geschichten auszutauschen, die für ein bestimmtes Stück relevant sind. All diese Informationen sollten natürlich allen aus der Gruppe zugänglich sein (für Menschen mit und ohne Behinderung).

Uns wurde klar, dass ein Zeitrahmen, ein Thema und einige Beiträge dazu hilfreich für unseren Austauschprozess wären. Wir dachten auch über regelmäßige Zoom-Meetings nach, aber für den Anfang schien es einfacher, uns auf Stücke mit Audiobeschreibung und Feedback per E-Mail zu konzentrieren.

Außerdem beschlossen wir, eine Plattform einzurichten, um uns über spannende Workshops und Tanzstücke, Kunstwerke usw. auszutauschen, die von Leuten aus der Gruppe oder von anderen präsentiert werden und die für die Gruppe interessant sind.

Der nächste Schritt ist, dass ich bald einen Newsletter an die Gruppe schicke und dabei mit einem bestimmten Thema oder Beitrag einen ersten Impuls gebe. Ich werde auch nachforschen, welche Plattform für alle zugänglich ist und von allen benutzt werden kann. So wird sich unsere Gruppe eine solide Basis aufbauen und einen Raum schaffen, in den wir auch andere herzlich einladen können.

*Dieses Treffen wurde ermöglicht durch das Förderprogramm #TakePart des Fonds Darstellende Künste, das von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien finanziert wird.

Selbsterkenntnis, Verantwortlichkeit und Trigger

Ich betrachte mich als Person, die bestimmte Formen der Unterdrückung internalisiert hat. Ich erkenne, dass mir Denk- und Handlungsweisen beigebracht wurden, die auf kolonialistischen (d. h. transphoben, ableistischen, kapitalistischen, rassistischen usw.) Vorstellungen basieren. Diese Erkenntnis gibt mir einen Pfad vor – ein wertvoller, schöner Pfad, den ich gerne beschreite –, auf dem ich mehr über bewusste Zerstörung verstehe und dadurch mehr reflektiere, mehr lerne, mehr überdenke und mehr liebe. Das ist ein nie endender Prozess, und ich weiß, dass es möglich ist, dass sich diskriminierende Sprache oder Vorstellungen in meine Beiträge einschleichen. Wenn du diesen Eindruck hast, dann melde dich bitte über das Kontaktformular auf meiner Website.

An alle marginalisierten Personen, die sich für Community-Arbeit, Kunst und Aktivismus einsetzen. Danke für euer Engagement! Ihr verdient all den Raum, den ihr für uns freischaufelt, und noch viel mehr!

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