Foto: Zwoisy Mears-Clarke

Strategien der Solidarität (betreffend Besucher*innen)

Strategien der Solidarität – Was ich bisher herausgefunden habe (betreffend Besucher*innen)
“We are not woke, but always waking.” – Zinzi Buchanan

Strategien der Solidarität – Was ich bisher herausgefunden habe ist eine Blogreihe, die ich schon vor einigen Jahren anfangen wollte, und nun habe ich endlich den Kopf frei dafür und habe genug Zeit und Kraft für dieses neue fortlaufende Projekt. In dieser Reihe von Blogartikeln möchte ich meine (praktischen) Strategien der Inklusion in Bezug auf den professionellen Tanzkontext mit euch teilen. Diese Strategien sind für mich Werkzeuge, um Dinge auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen, um Annahmen und Angewohnheiten zu überwinden, die auf Rassismus und Ableismus basieren, und neue Ansätze zu entwickeln. Zudem will ich reflektieren, in welchen Bereichen sich institutionelle sowie eigene internalisierte Formen von Rassismus und Ableismus zeigen. Der Kontext, mit dem ich vertraut bin, ist die freie Tanz- und Performance-Szene in Mitteleuropa. Auch wenn du nichts mit dieser Szene zu tun hast oder in einer ganz anderen Region lebst, kannst du aus meinen Beiträgen hoffentlich etwas für dich mitnehmen.

Um diesen Beitrag auf Englisch oder Deutsch anzuhören, klicke einfach unten auf den Play-Button des ersten bzw. zweiten Titels.

Reflexion

Im ersten Beitrag dieser Blogreihe will ich euch vom Abholservice erzählen, den ich mir zusammen mit Elena Polzer von ehrliche arbeit, dem Presseteam der Sophiensäle und mit Imke Baumann von Förderband e.V. und dem Projekt Berlin für Blinde ausgedacht habe. Bitte beachten Sie, dass dieser Abholservice als rücksichtsvolle und fürsorgliche Struktur nicht ohne die Konsultation eines Experten geschaffen werden könnte, der die gelebte Erfahrung des Blindseins oder einer Sehbehinderung kennt. #nothingwithoutusisforus. Diesen Abholservice haben wir blinden und sehbehinderten Besucher*innen bei allen Aufführungen von „Worn and Felt“ an den Berliner Sophiensälen im Mai 2019 angeboten. Wer die Performance besuchen wollte und dabei auf Unterstützung angewiesen war, bekam von uns eine Begleitperson zur Seite gestellt. Diesen Service haben wir umsonst angeboten, denn wir wollten nicht, dass die Kosten für Begleitpersonen irgendwen davon abhalten, zur Performance zu kommen.

Unser Team von Abholer*innen und „Gefährt*innen“ bestand aus Freiwilligen und einigen Leuten aus meinem künstlerischen Team.

Das Team: Richtig toll war, dass das Projekt Berlin für Blinde uns Leute aus ihrem Freiwilligen-Netzwerk vermittelt hat, sodass wir den Abholservice bei allen Aufführungen anbieten konnten. Ohne diese Hilfe wäre der Service nur an zwei und nicht an allen vier Terminen möglich gewesen. Es war wichtig und vorteilhaft, dass sie bereits Erfahrungen als Assistent*in hatten. Aus meinem Team haben der Produktionsassistent Falk Grever und die Dramaturgin Louise Trueheart beim Service mitgeholfen.


Wir haben für unseren Abholservice das bestehende Anmeldesystem des Theaters genutzt.

Die Infrastruktur: In der Vergangenheit in den Sophiensälen gab es die Bitte, dass Besucher*innen, die Rollstuhlfahrer*innen sind, sich vor dem Tag der Aufführung telefonisch beim Theater anmelden—es war eine Strategie, zu vermeiden, dass mann Theaterbesucher*innen, die Rollstuhlfahrer*innen sind, wieder wegschicken muss weil aus Sicherheitsgründen immer nur zwei Rollstuhlfahrer*innen gleichzeitig im Theater erlaubt sind. Um unseren Abholservice nicht unnötig kompliziert zu machen, haben wir dasselbe System bzw. Telefonnummer für unsere Anmeldung genutzt.

Wir haben den Abholservice auf der Website des Theaters angekündigt. Die Ankündigung haben wir direkt unter der Beschreibung von „Worn and Felt“ auf der Website der Sophiensäle platziert. Das war der wichtigste Kanal, um für unseren Service zu werben. So lautete die Ankündigung:

Abholservice und Barrierefreiheit

Bei Bedarf bieten wir in Kooperation mit Berlin für Blinde/Förderband e.V. einen Abholservice für blinde und sehbehinderte Personen von den nahegelegenen S- und U-Bahn-Stationen Hackescher Markt und Weinmeisterstraße an. Um den Abholservice in Anspruch zu nehmen, kontaktieren Sie uns bitte bis spätestens 48 Stunden vor Vorstellungsbeginn. Die Performance findet in völliger Dunkelheit statt und richtet sich an Menschen mit und ohne Sehbehinderung. Die Teilnahme erfordert jedoch, 30 Minuten ohne Hilfsmittel zu stehen.

Für weitere Informationen und Anmeldungen erreichen Sie uns unter: 030 – 27 89 00 34.

Wir entschieden uns für die beiden nahegelegensten Haltestellen als Abholpunkte, unser(e) „Treffpunkt(e) A“. Von den Sophiensälen aus sind das die Haltestellen Weinmeisterstraße und Hackescher Markt. Beide Haltestellen sind wenige Minuten zu Fuß vom Theater entfernt.

Zum Service gehörte sowohl das Abholen als auch das Zurückbegleiten zu den Haltestellen.

Unser „Treffpunkt B“ war das Theaterfoyer, wo sich alle Besucher*innen trafen. Bei „Worn and Felt“ war es auch ein Teil der Performance, dass alle Besucher*innen nach und nach von den Performer*innen an die Hand genommen und in den Saal geführt wurden. Daher hatten wir uns auch für das Foyer als Treffpunkt B entschieden.

Der Service: Wir wollten, dass der Abholservice etwas Persönliches hat. Nach der telefonischen Anmeldung bei den Sophiensälen, erhielten die Besucher*innen daher die Handynummer ihrer Gefährt*innen. Auch die Gefährt*innen erhielten die Telefonnummer der Person, die sie begleiten würden. Die Gefährt*innen meldeten sich dann am Tag der Anmeldung oder einen Tag danach bei der Person, die sich für den Service angemeldet hatte. Zusammen besprachen sie, wann und wo genau am Gleis man sich treffen und wie man sich gegenseitig erkennen würde. Das ist ein kurzes, aber wichtiges Gespräch und macht das ganze Erlebnis von Anfang an sehr persönlich. Praktisch ist dabei auch, dass Gefährt*innen und Besucher*innen dann ihre Telefonnummern ausgetauscht haben und Bescheid sagen können, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert.

Wir sorgten auch dafür, dass die Gefährt*innen während der ganzen Performance erreichbar sind. Wenn Besucher*innen aus irgendeinem Grund schon früher gehen wollten, konnten sie dann umgehend zu ihrer Haltestelle zurückbegleitet werden.

Wie lässt sich dieser Service in Zukunft verbessern?

Aus Perspektive unseres Teams: Wir hatten soweit alle Streckenabschnitte (von den Haltestellen zum Foyer und in den Theatersaal und wieder zurück) mitbedacht, nur nicht den Weg aus dem Theatersaal zurück ins Foyer nach Ende der Vorstellung. Daran sollten wir in Zukunft auf jeden Fall denken. Außerdem wäre es sinnvoll, die Bezahlung der Begleitpersonen von Anfang bei Förderanträgen miteinzukalkulieren, was wir diesmal nicht getan hatten.

Aus Perspektive des Theaters und/oder der Kultureinrichtung: Einen Abholservice sollten alle Theatern standardmäßig anbieten, damit sie als staatlich geförderte Einrichtungen auch ihrer Verantwortung nachkommen, Menschen mit Behinderung nicht zu diskriminieren. Wenn man mehr Möglichkeiten schaffen würde, damit Leute mit Tanz und Kunst in Berührung kommen können, dann würde das nicht nur dem Leitbild der Theater entsprechen, sondern würde selbstverständlich auch ihre Außenwirkung enorm verbessern.

Wenn du irgendwelche Fragen, Anmerkungen oder Vorschläge zu meinem Beitrag hast, dann melde dich bitte 😊! Ich freue mich immer, den Austausch fortzusetzten.

Anerkennung, Hinweise und Triggers

Ich betrachte mich als ableistische Person, weil ich bestimmte Denk- und Handlungsmuster erlernt habe. Diese Erkenntnis gibt mir einen gewissen Pfad vor – ein wertvoller und schöner Pfad, den ich gerne beschreite – und auf dem ich herausfinde, wie ich respektvoller sein kann und mehr reflektieren, mehr dazulernen, mehr nachsinnen und mehr Liebe geben kann. Das Ganze ist ein niemals endender Prozess, und mir ist klar: Es kann immer sein, dass sich diskriminierende Sprache oder Vorstellungen in meine Beiträge hineinschleichen. Wenn du den Eindruck hast, dass das passiert ist, dann schreib über die Kontaktseite.

An alle Queers, Schwarzen Feminist*innen, Freund*innen mit Behinderung und BIPOCs, die mir Orientierung geben: Vielen Dank! An Zinzi und Mars, die mich dabei unterstützt haben, diesen ersten Blogartikel endlich zu veröffentlich: Vielen Dank! Ich will eurem Beispiel folgen und möchte mit anderen teilen, was ich bisher herausgefunden habe.

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