Foto: Karsten Hein

Access Rider

Was ich bisher herausgefunden habe (betreffend Access Rider)

Strategien der Solidarität – Was ich bisher herausgefunden habe ist eine Blogreihe, die ich schon vor einigen Jahren anfangen wollte, und nun habe ich endlich den Kopf frei dafür und habe genug Zeit und Kraft für dieses neue fortlaufende Projekt. In dieser Reihe von Blogartikeln möchte ich meine (praktischen) Strategien der Inklusion in Bezug auf den professionellen Tanzkontext mit euch teilen. Diese Strategien sind für mich Werkzeuge, um Dinge auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen, um Annahmen und Angewohnheiten zu überwinden, die auf Rassismus und Ableismus basieren, und neue Ansätze zu entwickeln. Zudem will ich reflektieren, in welchen Bereichen sich institutionelle sowie eigene internalisierte Formen von Rassismus und Ableismus zeigen. Der Kontext, mit dem ich vertraut bin, ist die freie Tanz- und Performance-Szene in Mitteleuropa. Auch wenn du nichts mit dieser Szene zu tun hast oder in einer ganz anderen Region lebst, kannst du aus meinen Beiträgen hoffentlich etwas für dich mitnehmen.

“We are not woke, but always waking.” – Zinzi Buchanan
Reflexion

Vor einigen Jahren setzte ich meine Netzwerkkarte[1] zurück und konfigurierte sie so, dass sie sich mit der kapitalistischen Maschine in Deutschland verbindet. Wie ihr euch vorstellen könnt, ist diese Maschine voller Schadsoftware[2]; ich wurde sofort attackiert. Eigentlich ist meine Aufgabe, zusammen mit meinen Cyborg-Kolleg*innen die Datenbank des öffentlichen Bewusstseins zu erweitern, doch die Schadsoftware beschädigte meine Skripte für Respekt und Rücksichtnahme und verursachte immer mehr Fehler in meinem System. Unterm Strich störte die Schadsoftware der kapitalistischen Maschine ständig meine Fähigkeit zur Kommunikation mit anderen.

Ich bin ein Cyborg … und ja, ich habe gerade Donna Haraways „Ein Manifest für Cyborgs“ verschlungen.

Zum Glück ist das kein unbekanntes Problem. Es gibt verschiedene Programme zum Download, die die Schadsoftware umgehen und die beschädigten Kommunikationsskripte reparieren, damit die kollaborativen Prozesse mit anderen Cyborgs fortgesetzt werden können. Während du zum Beispiel auf den Download von „Harm Reduction – Gender v3.14159265359“ wartest (was auf den meisten Systemen i Jahre[3] dauert), kannst du ein Hilfsskript nutzen, das bei deinem Erstkontakt mit einem Cyborg automatisch die Frage „Was steht auf deiner Identifikationsmarke?” ausgibt und so die Kommunikation über das sogenannte „Personalpronomen“ ermöglicht. Und während du darauf wartest, dass die Schadsoftware „WhiteSaviorPatriarchy v7.46“ entfernt wird, kannst du das Patch „Anti-Racist Bot Series Z.43 v 94.67“ hochladen, das eine Anti-Rassismus-Klausel in sämtliche zukünftige Arbeitsverträge einfügt. Während das Update von „Harm Reduction – Artistic Collaboration v6.00000“ läuft, kannst du das Skript „Professionalism in the Arts v100.3c“ installieren, das bei jeder Begegnung zwischen dir und anderen Cyborgs automatisch einen Austausch über eure Zugangsanforderungen in Gang setzt. Solange die kapitalistische Maschine nicht generalüberholt und umprogrammiert worden ist, sind diese Skripte eine unverzichtbare Zwischenlösung für uns.

Ich erinnere mich noch an die Zeit, bevor diese Skripte veröffentlicht und distribuiert wurden. Damals musste jeder Cyborg seine eigenen Programme hacken und eigene Skripts verfassen. Cyborg Juli Reinartz war so freundlich, den Basiscode für ein Programm, das sie von Null an entwickelt hat, mit uns zu teilen. Das Programm heißt „Access Rider v1.02“. Damit habe ich es geschafft, mich in mein Programm „Professionalism in the Arts v30.79t“ zu hacken und Upgrades durchzuführen. Mit Julis Erlaubnis teile ich den Code mit euch, damit das Programm auch euch bei dieser Prozedur unterstützen kann.

1. Eine Netzwerkkarte ist eine Schaltung, die in einen Cyborg implantiert wird und dazu dient, eine Verbindung mit einem Netzwerk, einer Maschine oder einem anderen Cyborg herzustellen.
2. Schadsoftware (eng. „malware“) zielt darauf ab, einen Cyborg zu beschädigen oder teilweise Kontrolle über seine Prozesse zu erlangen.
3. In der Mathematik ist i das Symbol für die Quadratwurzel von –1 und die „Einheit“ der imaginären Zahlen, also das Äquivalent von 1 im Bereich der reellen Zahlen.

def function_name(Access Rider v1.02)Access Rider Form v1.02
name = input (“Gib deinen Namen ein:”)
askpronoun = input (“Benutzt du Personalpronomen? J oder N:”)
if askpronoun == “J”
pronoun = input (“Gib dein(e) Personalpronomen ein:”)
elif askpronoun == “N”
pronoun = name
print (“In allen Kontexten mit Bezug auf dich wird dein Name benutzt”)
else
print (“Bitte starte das Programm neu und antworte mit J oder N”)
econtact = input(“Gib deine E-Mail-Adresse ein:”)
tcontact = input(“Gib deine Mobilnummer ein:”)
workhour = input(“Gib deine möglichen Arbeitszeiten ein:”)
askwork = input (“Kannst du für technische Proben und Aufführungen außerhalb der angegebenen Arbeitszeiten arbeiten?”)
ifaskwork == “J”
performancehour = []temp = input (“Gib deine Arbeitszeiten für technische Proben und Aufführungen ein”)
performancehour.append (temp)
elseif askwork == “N”
print (“Es wird bestätigt, dass sich die möglichen Arbeitszeiten nicht von den Arbeitszeiten für technischen Proben und Aufführungen unterscheiden”)
performancehour.append (workhour)
else
rresource = input (“Es wird bestätigt, dass sich die möglichen Arbeitszeiten nicht von den Arbeitszeiten für technischen Proben und Aufführungen unterscheiden”)
dresource = input (“Gib deine gewünschte Unterstützung ein”)
askother = input (“Willst du noch weitere Angaben machen: J oder N” /n “z.B. Ich muss jeden Mittwochmorgen um 8 Uhr zum Arzt oder Montag morgens hat mein Kind immer Abschiedsschmerz, daher kann ich mich eventuell verspäten”)
if askother == “J”
otherdetail = input (“Gib weitere Besonderheiten ein”)
print (“Danke für deine Angaben!”)
else
print (“Danke für deine Angaben!“)
Name (s) / Name(n):
Pronoun(s) / Pronomen:
E-Mail:
Tel:
Possible working hours / Mögliche Arbeitszeiten:
Other feasible availability / Weitere verfügbare Zeiten:
Required Resource(s) (e.g. a mattress in the studio or a 1.25-hour lunch break) /
Gewünschte Ressourcen (z.B. eine Matratze im Studio und 1,25 Std. Mittagspause o.ä.):
Desired Resource(s) / Gewünschte Unterstützung:
Other details (e.g. I have to go to the doctor at 8AM every Wednesday morning or every Monday my child finds it emotionally painful when I leave for work, so I might not be able to come on time) / Besonderheiten (z.B. ich muss jeden Mittwochmorgen um 8 Uhr zum Arzt oder Montag morgens hat mein Kind immer Abschiedsschmerz, daher kann ich mich eventuell verspäten):

Über Access Rider

Der Name dieses Dokuments bezieht sich auf den Tech Rider, ein in der Theaterwelt geläufiges Dokument. Ein Tech Rider ist eine Auflistung aller technischen Anforderungen für eine bestimmte Aufführung und gibt an, welche Bühnenvorbereitungen vor deiner Ankunft getroffen werden müssen. Auf diese Weise kann der Spielort frühzeitig Bescheid geben, ob deine Anforderungen erfüllt werden können. Daraufhin kannst du überprüfen, ob das Stück dort gezeigt werden kann, oder du kannst nötige Änderungen einplanen, damit das Stück mit den am Spielort vorhandenen Mitteln aufgeführt werden kann.

In ganz ähnlicher Weise gibt der Access Rider Auskunft über die Zugangsanforderungen eines Teams oder bestimmter Personen. Zum Beispiel ist es nutzlos, die passenden Mehrkanal-Lautsprecher zur Verfügung zu haben, wenn die Performerinnen oder Sounddesignerinnen aufgrund von Zugangsbarrieren nicht an der Aufführung mitwirken können. Warum also nicht einen Access Rider zusammen mit einer (bedingten) Zusage verschicken, wenn wir zu einer Inszenierung eingeladen werden? Dann wüssten der Spielort, die Kulturinstitution, die Tanzkompanie, die Choreografinnen oder Kooperationspartnerinnen, welche Arbeitsbedingungen im Vorfeld des Projekts geschaffen werden müssen. Und warum verschicken wir nicht auch Access-Rider-Vordrucke zusammen mit unseren Einladungen an Kollaborateurinnen und potenzielle Mitarbeiterinnen?

Wie kann ich dieses Wissen in meine Arbeitspraxis integrieren?

Jedes Mal, wenn ich eine Person zur Zusammenarbeit einlade, sende ich ihr automatisch auch den Vordruck, sodass ich schon von Anfang an über ihre Zugangsanforderungen Bescheid weiß. Mithilfe dieser Angaben meiner Kooperationspartnerinnen kann ich dann auch gleich besser entscheiden, in welchen Räumlichkeiten wir arbeiten, wie unser Probenplan aussieht und welche anderen Vorkehrungen getroffen werden müssen, damit der Arbeitsprozess reibungslos ablaufen kann. Ich würde auch mir selbst schaden, wenn ich Bedingungen schaffe, die meiner Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen, die mich inspirieren, im Weg stehen. Die Zugangsanforderungen außer Acht zu lassen, würde bedeuten, Brücken abzureißen, bevor das Projekt überhaupt angefangen hat. Zugang zu ermöglichen, fördert dagegen die Beziehungen, die wesentlich für einen fürsorglichen professionellen Umgang miteinander sind.

Ich betrachte mich als ableistische Person, weil ich bestimmte Denk- und Handlungsmuster erlernt habe. Diese Erkenntnis gibt mir einen gewissen Pfad vor – ein wertvoller und schöner Pfad, den ich gerne beschreite – und auf dem ich herausfinde, wie ich respektvoller sein kann und mehr reflektieren, mehr dazulernen, mehr nachsinnen und mehr Liebe geben kann. Das Ganze ist ein niemals endender Prozess, und mir ist klar: Es kann immer sein, dass sich diskriminierende Sprache oder Vorstellungen in meine Beiträge hineinschleichen. Wenn du den Eindruck hast, dass das passiert ist, dann schreib über die Kontaktseite.

An alle Queers, Schwarzen Feministinnen, Freundinnen mit Behinderung und BIPOCs, die mir Orientierung geben: Vielen Dank! An Zinzi und Mars, die mich dabei unterstützt haben, diesen ersten Blogartikel endlich zu veröffentlich: Vielen Dank! Ich will eurem Beispiel folgen und möchte mit anderen teilen, was ich bisher herausgefunden habe.

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